COMT-Genvariante: Warum du nach Stress schlechter abschaltest

Frau sitzt am Abend im hellen Wohnzimmer und kommt nach einem fordernden Tag langsam zur Ruhe
Dr. med. Manuel Burzler HealVersity

Dr. med. Manuel Burzler

Gründer HealVersity · Dozent DTMD University

Dr. med. Manuel Burzler ist Gründer von HealVersity und Mediziner für funktionelle Medizin in München. Als Dozent an der DTMD University Luxemburg lehrt er evidenzbasierte funktionelle Diagnostik. Er ist Mitglied der Swiss BLUEZONES Research Group und forscht zu Langlebigkeit und Prävention. Sein Ziel: Funktionelle Medizin als festen Bestandteil der ärztlichen Weiterbildung im DACH-Raum zu etablieren.

Inhaltsübersicht

Das Gespräch ist seit zwei Stunden vorbei, und du drehst immer noch Runden durch die Küche. Der andere hat den Streit längst abgehakt und schläft. Bei dir läuft der Puls, laufen die Sätze, läuft die Frage, warum du nicht einfach abschalten kannst wie alle anderen. Eine mögliche Erklärung dafür steckt in einem Enzym, das dein Körper braucht, um Stresshormone wieder loszuwerden.

Rechtlicher Hinweis: Die Inhalte auf healversity.com dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Bildung. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich an einen Arzt oder an qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

Dieses Enzym heißt COMT, ausgeschrieben Catechol-O-Methyltransferase. Es räumt die Botenstoffe weg, die dich in Alarmbereitschaft bringen. Und es gibt eine verbreitete COMT-Genvariante mit dem Namen Val158Met, bei der dieses Enzym im Labor deutlich langsamer arbeitet als bei anderen Menschen. Betroffen ist damit niemand im medizinischen Sinn, denn die COMT-Genvariante ist keine Krankheit und keine Diagnose. Sie beschreibt ein Arbeitstempo, mit dem du geboren wurdest.

Wir wollen dir damit kein Etikett anhängen. Du sollst am Ende dieses Artikels wissen, was an der COMT-Genvariante belegt ist, was sie über dich ausdrücklich nicht aussagt und was deinem Körper nach einer Anspannung hilft, ganz unabhängig davon, welche Variante du trägst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Enzym COMT (Catechol-O-Methyltransferase) baut die Stress-Botenstoffe Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin ab und beendet damit die körperliche Stressreaktion.
  • Zwischen schneller und langsamer Ausprägung liegt im Labor der Faktor drei bis vier, gemessen am Enzym, nicht am Menschen.
  • Wie lange sich eine Anspannung anfühlt, lässt sich aus diesem Unterschied nicht ausrechnen, und für die geistige Leistungsfähigkeit fand eine Metaanalyse kaum einen Zusammenhang.
  • Jeder Abbauschritt kostet eine Methylgruppe, und die stammt aus demselben Kreislauf, an dem auch das Enzym MTHFR arbeitet.

Was macht das COMT-Enzym mit deinen Stresshormonen?

COMT ist ein Enzym, das drei Stress-Botenstoffe abbaut: Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin, zusammen Katecholamine genannt (Botenstoffe, die Herzschlag, Aufmerksamkeit und Muskelspannung hochfahren). Erst wenn sie abgebaut sind, kann dein Körper von Alarm auf Reparatur umschalten. Der Name des Enzyms verrät, wie es dabei arbeitet: Eine Methyltransferase überträgt eine Methylgruppe, also einen winzigen chemischen Baustein, auf den Botenstoff und macht ihn damit unwirksam.

Damit sitzt COMT an einer Stelle, die im Gespräch über Stress selten vorkommt. Wie eine Stressreaktion entsteht, ist gut beschrieben. Wie sie wieder aufhört, ist die Frage, die dich abends um elf beschäftigt.

COMT kommt im Körper in zwei Formen vor, einer löslichen und einer membrangebundenen. Die membrangebundene Form bindet Katecholamine stärker und ist damit die im Nervengewebe entscheidende Form (3). Wichtig ist dabei, dass COMT nicht der einzige Weg ist. Das Enzym MAO (Monoaminoxidase) baut dieselben Botenstoffe ab, und ein Teil wird einfach wieder in die Zelle aufgenommen. Wie sich die Arbeit zwischen diesen Wegen im lebenden Menschen aufteilt, ist nicht sauber vermessen. Für dich heißt das, dass dein Körper mehr als eine Bremse hat.

Val158Met: drei Varianten, drei Geschwindigkeiten im Stressabbau

Val158Met bezeichnet eine Stelle im COMT-Gen, an der ein einzelner Buchstabe verändert sein kann. Im fertigen Enzym steht dann an Position 158 der Baustein Methionin statt Valin, und davon hängt ab, wie schnell das Enzym arbeitet (1). Weil du von jedem Gen zwei Kopien trägst, eine von der Mutter und eine vom Vater, gibt es drei mögliche Kombinationen.

Zwei Valin-Kopien ergeben die schnelle Ausprägung, das Enzym räumt die Botenstoffe zügig ab. Zwei Methionin-Kopien ergeben die langsame, hier bleibt mehr im System. Und wer je eine Kopie von beiden trägt, liegt dazwischen. Wie sich diese drei Ausprägungen auf die deutschsprachige Bevölkerung verteilen, dazu haben wir keine belastbare Zahl gefunden, deshalb steht hier auch keine.

Wie groß der Unterschied im Labor ausfällt, ist seit dreißig Jahren beschrieben: Die COMT-Genvariante Val158Met liegt einer drei- bis vierfachen Spannweite der Enzymaktivität zugrunde (1). Eine spätere Arbeit an 108 Proben menschlichen Stirnhirngewebes zeigte, dass die Variante die Menge und die Aktivität des Enzyms verändert, nicht aber die Menge der Bauanleitung, aus der es entsteht (2). Beide Zahlen stammen aus dem Labor und aus Gewebe. Keine von beiden misst, wie lange sich ein Mensch nach einem Streit aufgeregt fühlt.

Die COMT-Genvariante sagt nichts über deine geistige Leistungsfähigkeit

Eine Metaanalyse über sechs kognitive Messgrößen fand für Val158Met kaum einen Zusammenhang mit der kognitiven Leistung. Für den Zusammenhang mit dem IQ blieb eine Effektstärke von 0,06 übrig, also ein Maß für die Größe eines Unterschieds, das hier dicht an der Null liegt, und die Autoren weisen ausdrücklich auf die Gefahr eines Publikationsbias hin, also darauf, dass Studien mit auffälligem Ergebnis häufiger veröffentlicht werden als Studien ohne (4). Auch beim Schmerzempfinden ist der Zusammenhang nur für einen Teil der Beschwerdebilder belegt. In einer Metaanalyse zu chronischem Schmerz zeigte er sich bei Fibromyalgie und bei chronischem weitverbreitetem Schmerz, bei Migräne und bei muskuloskelettalen Schmerzen dagegen nicht (5).

Das ist die entlastende Seite dieser Genetik. Sie nimmt dir keine Fähigkeit weg und schreibt dir keinen Charakter zu.

Warum du nach einem Konflikt noch Stunden aufgedreht bist

Nach einem Konflikt bleibt dein Körper noch eine Weile in Alarmbereitschaft. Wie lange das dauert, hängt an mehreren Dingen gleichzeitig: daran, wie lange dein Nervensystem weiter Alarmsignale sendet, an der Cortisolachse, also dem langsameren Stresssystem rund um das Hormon Cortisol, und daran, ob deine Gedanken noch beim Gespräch sind. Der Abbau der Botenstoffe ist einer dieser Vorgänge, und er läuft in seinem eigenen Tempo. Zusammen erklärt das die Erfahrung, die dich vermutlich hierher gebracht hat.

Das Gespräch ist beendet, die Sache geklärt, alle sind zufrieden. Nur dein Körper hat die Nachricht nicht bekommen. Du räumst die Spülmaschine ein und formulierst dabei Sätze für ein Gespräch, das längst vorbei ist. Zwei Stunden später liegst du wach und ärgerst dich zusätzlich darüber, dass du wach liegst.

Wenn du dich mit Gesundheit beschäftigst, kennst du die Erklärung, dass du eben empfindlich bist oder zu viel nachdenkst. Diese Erklärung greift zu kurz, weil sie eine biologische Abräumarbeit zu einem Charakterzug macht. Die andere Richtung gilt allerdings genauso. Die COMT-Genvariante allein erklärt nicht, warum eine Anspannung bei dir länger nachhallt. Der Faktor drei bis vier beschreibt die Aktivität eines Enzyms im Reagenzglas, er beschreibt keine Minuten und keine Stunden, und eine Studie, die diese Zeit im lebenden Menschen misst, gibt es nicht.

Wie wenig ein einzelnes Gen erklärt, zeigt eine methodenkritische Auswertung von 103 Studien zum Zusammenspiel einzelner Gene mit Umwelteinflüssen: 96 Prozent der Erstbefunde waren positiv, aber nur 27 Prozent der Replikationsversuche bestätigten sie (6). Deine Erfahrung, dass du länger brauchst, bleibt davon unberührt. Sie ist echt, und sie hat mehr Zutaten als einen Buchstaben im Erbgut, nämlich Schlaf, Blutzucker, Tagesform und alles, was du an diesem Tag vorher schon getragen hast.

COMT und MTHFR arbeiten im selben Kreislauf

Für jeden einzelnen Abbauschritt braucht COMT eine Methylgruppe, und die bekommt es aus dem Methylkreislauf, dem Stoffwechselweg, in dem dein Körper Methylgruppen herstellt, weitergibt und wiederverwertet. Damit hängt der Stressabbau an demselben System, über das auch die MTHFR-Variante diskutiert wird.

Der Kreislauf funktioniert im Kern so: Aus der Aminosäure Methionin entsteht SAMe, der universelle Methylgruppen-Spender des Körpers. SAMe gibt seine Methylgruppe ab, unter anderem in den Reaktionen, die COMT durchführt. Was übrig bleibt, wird über eine Zwischenstufe zu Homocystein. Damit der Kreis sich schließt, wird Homocystein wieder zu Methionin umgebaut, und an diesem Recycling arbeiten der Folsäure-Weg, an dem das Enzym MTHFR sitzt, und der B12-Weg.

Teller mit Blattspinat, Linsen, Eiern und Nüssen als natürliche Quellen für Folat und Vitamin B12

In den Schulungsunterlagen unserer Epigenetik-Coach Ausbildung wird daraus eine Kette, die den Blick verändert: Anhaltender Stress verbraucht viel SAMe, der Kreislauf kommt mit dem Nachschub nicht hinterher, und dann fehlen Methylgruppen an zwei Stellen gleichzeitig, beim Abräumen der Botenstoffe und bei der Methylierung der DNA selbst. Aus einem festen Gen-Schicksal wird so ein Kreis, in den du an mehreren Stellen eingreifen kannst. Als Modell ist diese Kette gut begründet, gemessen ist sie beim Menschen in dieser Form nicht.

Wie die MTHFR-Variante die Verwertung von Folsäure verändert, warum der Homocysteinwert dabei die entscheidende Kontrollgröße ist und was daraus für den Alltag folgt, steht ausführlich in unserem Artikel zur MTHFR-Mutation. Aus der gemeinsamen Zuständigkeit für Methylgruppen folgt allerdings nicht, dass zwei langsame Varianten sich gegenseitig verstärken. Für eine solche Wechselwirkung zwischen der COMT-Genvariante und der MTHFR-Variante haben wir keinen belastbaren Beleg gefunden.

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Wie du deine COMT-Genvariante feststellen lässt und was das Ergebnis offen lässt

Die COMT-Genvariante wird über einen Gentest bestimmt, den wir im Zusatzmodul DNA Health in der Epigenetik-Coach Ausbildung einsetzen und weil sich die Sequenz deines Erbguts nicht ändert, gilt ein solches Ergebnis ein Leben lang. Wenn du rein an einer Auswertung und an einem eigenen Test interessiert bist, kannst du über unsere Plattform und App nach einem unserer ausgebildeteten Epigenetik-Coaches fragen, die einen solchen Test anbieten und auswerten können.

Ein solches Ergebnis liefert dir eine Einordnung: Du erfährst, welche der drei Ausprägungen du trägst. Damit ist sein Informationsgehalt ausgeschöpft. Aus einer langsamen COMT-Genvariante folgt kein Präparat, keine Dosis und kein Protokoll, und medizinisch notwendig ist der Test nicht. Ein Gentest sagt dir etwas über eine Bauanleitung, er sagt nichts darüber, wer du bist. Für manche Menschen kann das eine Erleichterung bringen, da die Suche nach dem „Warum bin ich so“ aufhört und ein bewussterer Umgang mit Stress folgen kann.

Interessanter als die Sequenz ist ohnehin die Frage, wie stark ein Gen abgelesen wird. Die Buchstabenfolge steht fest, die Ableserate nicht, und mit dieser Ableserate beschäftigt sich die Epigenetik. Wie deutlich sich eine langsame COMT-Genvariante im Alltag überhaupt zeigt, ist eine offene Forschungsfrage, in der dein Schlaf, deine Ernährung und deine Belastung mitspielen.

In der Epigenetik-Coach Ausbildung arbeiten Teilnehmende in Modul 4 mit der Neurotransmitteranalyse, einem urinbasierten Panel, das die Stoffwechselprodukte der Botenstoffe erfasst, ohne dass Blut abgenommen werden muss. Der Satz, auf den es dort ankommt, gilt für jedes Testergebnis, auch für deins: Ein auffälliges Ergebnis ist der Anfang der Ursachensuche. Die nächsten Fragen gehen an Schlaf, Ernährung, Bewegung und Erholung.

Was deinem Körper beim Herunterfahren hilft, ganz ohne Gentest

Was dir nach einer Anspannung hilft, hängt nicht von deinem Genotyp ab, also von der Kombination der beiden Genkopien, die du geerbt hast. Atem, Bewegung und die Bausteine aus dem Essen wirken auf den Abbau der Stress-Botenstoffe allgemein, und du kannst sie nutzen, ohne je einen Gentest gemacht zu haben. Das ist die gute Seite an dieser ganzen Biochemie: Der praktische Teil ist für alle derselbe.

Frau geht am Nachmittag zügig durch einen hellen Stadtpark und baut dabei Stress-Botenstoffe ab

Wie kommt dein Körper nach einer Anspannung wieder herunter?

Am schnellsten über den Atem. Wenn du länger ausatmest als einatmest, meldet das dem Vagusnerv, dass die Lage sicher ist, und dein Herzschlag verlangsamt sich. Diese Verbindung von Atem und Herzrhythmus ist der Kern der Herzkohärenz, mit der Teilnehmende in Modul 8 unserer Ausbildung arbeiten. Sieben Techniken, mit denen du den Vagusnerv erreichst, und was die Genregulation damit zu tun hat, findest du in unserem Artikel Vagusnerv aktivieren.

Bewegung gibt den Stress-Botenstoffen ein Ziel

Adrenalin und Noradrenalin bereiten deinen Körper auf Bewegung vor. Im Büroalltag folgt diese Bewegung meistens nicht, und die Anspannung bleibt ohne Ziel. Ein zügiger Spaziergang nach einem schwierigen Gespräch gibt deinem Körper diese Bewegung zurück und vervollständigt damit eine Stressreaktion, die sonst auf halber Strecke stehen bleibt. Direkt danach wirkt er stärker als der Vorsatz, abends noch etwas zu tun.

Folat und B12 liefern dem Methylkreislauf seine Bausteine

Folat aus grünem Gemüse und Hülsenfrüchten und Vitamin B12 aus tierischen Lebensmitteln sind die Bausteine, aus denen dein Körper die Methylgruppen für diesen Kreislauf bereitstellt. Eine abwechslungsreiche Ernährung deckt diesen Bedarf in der Regel. Wer sich rein pflanzlich ernährt, hat bei Vitamin B12 die bekannte Ausnahme, das gehört ins ärztliche Gespräch. Eine COMT-Genvariante begründet dagegen keine Einnahme. Weder für Methylgruppen-Donatoren noch für hoch dosierte B-Vitamine gibt es eine Studienlage, aus der sich eine Empfehlung nach Genotyp ableiten ließe. Ob dir etwas fehlt, zeigen deine Werte zusammen mit einem ärztlichen Gespräch.

Wenn Schlafprobleme, innere Unruhe oder Erschöpfung länger anhalten und dich im Alltag einschränken, gehört das ärztlich abgeklärt. Das ist keine Frage der Genetik, das ist der Punkt, an dem jemand mit dir gemeinsam hinschaut.

Wenn du dieses Wissen für die Arbeit mit anderen Menschen nutzen willst, führt der Weg über die Epigenetik-Coach Ausbildung. Interessiert dich, wie aus einem biochemischen Zusammenhang eine Begleitung wird, die im Alltag deiner Klienten ankommt?

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Der Demo-Zugang zur Epigenetik-Coach Ausbildung öffnet fünf vollständige Lerneinheiten, zusammen 126 Minuten. Eine davon behandelt Psycho-Epigenetik und Neurowissenschaft, also die Ebene, auf der Stress an die Genregulation andockt. Du siehst die Ausbildung im Original statt einer Beschreibung davon.

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Häufige Fragen zur COMT-Genvariante

Zur COMT-Genvariante wiederholen sich fünf Fragen so oft, dass sie hier mit einer kurzen Antwort stehen.

Was bedeutet die COMT-Genvariante Val158Met?

Val158Met ist eine verbreitete Variante des COMT-Gens, bei der ein einzelner Buchstabe der Erbinformation verändert ist. Am fertigen Enzym sitzt deshalb an Position 158 Methionin und nicht Valin, und die Kombination deiner beiden Genkopien bestimmt, wie schnell dieses Enzym Stress-Botenstoffe abbaut. Es gibt drei Ausprägungen, eine schnelle, eine mittlere und eine langsame. Im Labor unterscheiden sie sich in der Enzymaktivität um das Drei- bis Vierfache (1). Der Unterschied liegt damit allein im Tempo des Abbaus.

Ist eine langsame COMT-Genvariante gefährlich?

Nein. Eine langsame COMT-Genvariante ist ein Verarbeitungstempo, keine Erkrankung, und für sich genommen sagt sie nichts über deine Gesundheit, deine Belastbarkeit oder deine geistige Leistungsfähigkeit (4). Wenn Schlafprobleme, innere Unruhe oder Erschöpfung länger anhalten und dich im Alltag einschränken, gehört das ärztlich abgeklärt, unabhängig davon, welche Variante du trägst.

Wie lässt sich die COMT-Genvariante feststellen?

Über eine Speichel- oder Blutprobe, häufig zusammen mit weiteren Genorten in einem Paket. Der gesetzliche Rahmen in Deutschland sieht für genetische Untersuchungen mit gesundheitlichem Bezug eine ärztliche Veranlassung und ein Aufklärungsgespräch vor der Probe vor. Ein einziges Mal reicht für das ganze Leben, weil dein Erbgut sich nicht umschreibt. Eine medizinische Notwendigkeit für diesen Test gibt es nicht, und eine Behandlung leitet sich aus dem Ergebnis nicht ab. Aussagekraft bekommt es erst zusammen mit dem, was du über deinen Schlaf, deine Belastung und deinen Alltag weißt.

Was hat die COMT-Genvariante mit MTHFR zu tun?

Beide Enzyme hängen am selben Kreislauf, jedes von einer anderen Seite. MTHFR sorgt für den Nachschub, denn es stellt die Folat-Form bereit, aus der dein Körper neue Methylgruppen gewinnt, und COMT gehört zu den Verbrauchern dieser Methylgruppen. Deshalb lassen sich die beiden Themen gut zusammen denken, wenn es um Stress und Genregulation geht. Ein belegter klinischer Zusammenhang zwischen einer langsamen COMT-Genvariante und einer MTHFR-Variante ist daraus allerdings nicht abzuleiten.

Kann sich die COMT-Genvariante verändern?

Die Sequenz selbst nicht, sie bleibt dein Leben lang gleich. Verändern kann sich die Ableserate, also wie aktiv dieses Gen tatsächlich genutzt wird, und diese Regulation reagiert auf deinen Alltag. Damit ist die COMT-Genvariante eine von vielen Bedingungen, unter denen dieser Alltag abläuft. Wie weit sich die Ableserate tatsächlich beeinflussen lässt, ist eine offene Frage der epigenetischen Forschung.

Quellen

  1. Lachman, H. M. et al. (1996). Human catechol-O-methyltransferase pharmacogenetics: description of a functional polymorphism and its potential application to neuropsychiatric disorders. Pharmacogenetics, 6(3). Beschreibt die drei- bis vierfache Spannweite der COMT-Enzymaktivität. Pharmakogenetische Grundlagenarbeit, keine klinische Studie. PMID: 8807664
  2. Chen, J. et al. (2004). Functional analysis of genetic variation in catechol-O-methyltransferase (COMT): effects on mRNA, protein, and enzyme activity in postmortem human brain. American Journal of Human Genetics, 75(5). 108 Gewebeproben aus dem präfrontalen Kortex. PMID: 15457404
  3. Lotta, T. et al. (1995). Kinetics of human soluble and membrane-bound catechol O-methyltransferase: a revised mechanism and description of the thermolabile variant of the enzyme. Biochemistry, 34(13). Enzymkinetik an rekombinantem Enzym, hier ausschließlich als biochemische Grundlage für die zwei Formen des Enzyms herangezogen. PMID: 7703232
  4. Barnett, J. H., Scoriels, L., Munafò, M. R. (2008). Meta-analysis of the cognitive effects of the catechol-O-methyltransferase gene Val158/108Met polymorphism. Biological Psychiatry, 64(2). Metaanalyse über sechs kognitive Messgrößen. PMID: 18339359
  5. Tammimäki, A., Männistö, P. T. (2012). Catechol-O-methyltransferase gene polymorphism and chronic human pain: a systematic review and meta-analysis. Pharmacogenetics and Genomics, 22(9). Systematisches Review mit Metaanalyse. PMID: 22722321
  6. Duncan, L. E., Keller, M. C. (2011). A critical review of the first 10 years of candidate gene-by-environment interaction research in psychiatry. American Journal of Psychiatry, 168(10). Methodenkritische Auswertung von 103 Studien. PMID: 21890791

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